19ter April 2002

Ausgebaggert

Sparkasse Was ist los auf dem Bau? Die Bagger sind abgezogen. Ein müdes Loch gähnt mich an.
Mal regnet es, mal bricht die Sonne für Minuten durch. Kein Arsch kümmert sich mehr um den Bau. Ich komme mir vor wie der letzte Enthusiast, also ziemlich verloren.
Womöglich hat der Schmitter ja recht mit seiner Behauptung, hier entstünde keine neue Sparkasse, sondern das Süchtelner Zentralbad.
Nun, mit diesem Gedanken kann ich mich durchaus anfreunden. Nach der Arbeit mal eben zehn Bahnen Brust und dann im Eiscafe sitzen, über die Leute herziehen, daß es kracht. Das wärs doch.
Hanni Brötel, eine phantasiebegabte Flickschusterin aus Vorst, deren böse Ahnungen schon oft zur bitteren Realität gerieten, hält die Errichtung einer forensischen Klinik nicht mehr für ausgeschlossen. Sie spricht bereits offen über den besonderen Nutzen einer zentralgelegenen Reintegrationsstätte strafmündiger Verbrecher im offenen Vollzug.
Wie soll ich sagen. Ich glaube das brächte endlich Leben in den unlängst verstorbenen Ort. Die Wellen der Empörung schlügen ebenso hoch wie jene der Begeisterung.
An Sprechchöre wie: WEG MIT DEM DRECK!, oder ICH TRINKE AUCH MIT MÖRDERN GERN EIN BIER!, hätte man sich schnell gewöhnt. Wüste Schlägereien zwischen den verfeindeten Parteien brächten den Bürgern das Weltgeschehen direkt vor die Haustüre, vor der wir ja im Moment alle so fleißig kehren.
Der gemeine Süchtelner avancierte unter diesen besonderen Umständen mühelos zum Kosmopoliten.
(Nein Else, die fliegen nicht ins Weltall. Die ins Weltall fliegen, nennt man Kosmonauten)


Sparkasse
So hocke ich denn hier und trinke einen Cappucino nach dem Anderen. Es ist nicht Pattex, was mich hier festkleben läßt, sondern die irrwitzige Hoffnung auf ein besonderes Ereignis vor Ort.
Wenn das hier so weiter geht, dann bewerbe ich mich freiwillig beim Spiegel als Fotograf an der afgahnischen Front. Im Moment fühle ich mich jedenfalls ziemlich unterfordert. Hier fliegt ja nicht mal mehr eine Mücke herum, die man zum Elefanten machen könnte.
Wen kann es da wundern, daß ich Bauzäune zu Sängern mache? Doch wohl nur die Realisten. Für sie ist ein Bauzaun einfach ein Bauzaun. Mehr nicht. Für mich ist der Bauzaun eine ganze Welt.
Was will ich also in Afgahnistan. Dort würde man mich, auf Grund meiner Unerfahrenheit doch eh nur als Köder einsetzen.
Sie würden mich mit der Kamera vorschicken. Ich würde fotografierend erschossen. Das wären natürlich Bilder, die alle haben wollten, und darum geht es hier.
Ich komme mir vor wie der Märtyrer vor dem Herrn. Mein Wort in Gottes Ohr war immer schon scheiße. Aber, wen interessiert das?


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