10/11ter April 2002

Das sind die Hülsbuschs
(philosophische Eskapade)

Sparkasse
Nach dem Kaffeeklatsch bei der Arbeiterwohlfahrt lässt sichs viel besser zuschauen.
Arbeiterwohlfahrt. Welch ein Wort! Schon als Kind musste ich dabei immer an Rollstuhlfahrer, Kastrierte oder sonstwie Gelähmte denken, die sich in dieser speziellen Institution auf mir völlig unverständliche Art und Weise Wohl-fuhren.
Weitere Assoziationen waren:
Handauflegung, Pollonaise, Ambulanz, Friedhof oder Kriegsgräberfürsorge. Keine Ahnung, warum ich all dies mit der Arbeiterwohlfahrt in Zusammenhang brachte.
Bei uns in der Familie gab es einen geistig behinderten Querschnittsgelähmten, der zu keiner anderen Bewegung fähig war, ausser den Mittelfinger seiner rechten Hand auszustrecken.
Oft stieß er entsätzliche Laute aus, wobei ihm eine schleimige Flüssigkeit übers Kinn rann. Ich fand das entsätzlich, zumal die ganze Familie darunter litt, einen derartigen Unmenschen, ihr Eigen nennen zu müssen.
Ich will nicht sagen, dass sie sich nicht um ihn gekümmert hätten. Das taten sie, bewußt, ganz zweifellos. Aber es schien mir so, als läge, ganz unausgesprochen, eine Verleugnung seiner Existenz in der stickigen familiären Atmosphäre, ein Ihn nicht haben Wollen.
Wenn man sich traut seine Empfindungen zuende zu denken, dann hätten sie den armen Kerl am liebsten verwünscht, weil er es war, der Schande über den Clan gebracht hatte.

Sie zeigen schon mit den Fingern auf uns
Wir müssen ihm die Knochen brechen, damit es so aussieht, als mache er Fortschritte
Warum kleben wir ihm nicht den Mund zu?
Wenn er nicht mehr schreien kann, dann denken sie vielleicht, er sei genesen.
Dann wären wir endlich ab von dem entsätzlichen Fluch, der über dem Hause liegt. Nächste Woche geht er auf die Balettschule
Dann kann uns niemand mehr etwas!


Ich war als Kind sehr empfänglich für derartige Unausgesprochenheiten. Ich stand ja selber oft da, mit weit geöffnetem Mund und musste schweigen. Das macht mir selbst Heute noch zu schaffen, weil ich diesen gigantischen Verrat am Leben, den ich weißgott zur Genüge erlebte, an jeder Häuserecke wittere.
Diese Verwirrung entriss mich dem Selbst-Verständnis. Ich quetschte mich in die Norm und wurde Philosoph, der man nicht werden, sondern nur sein kann.
Philosophie ist, sofern gesehen, zwar keine unnütze Spielerei. Sie erübrigte sich jedoch, wenn jeder sich zuvörderst hätte gehabt haben dürfen, und dann, aus dem Sein heraus agierte.
Existenzphilosophie ist nichts Anderes als die Frage eines Kindes: Wie komme ich ins Leben hinein.
VOR DEM GESETZ stehen oft nur die zitternden Kinder.
Nur nicht auffallen.
Das ist mir bis zum heutigen Tage gelungen.

(PS: Ich muss leider eine zweitägige Zwangspause einlegen, weil ich am Wochenende zu einem musikalischen Gastspiel in Regensburg eingeladen bin. Vielleicht gibt es ja Freiwillige vor Ort, die am Wochenende als Ersatzfotografen fungieren möchten. Bilder oder Texte bitte an meine E-Mehl Adresse:
Georg.Rikken@t-online.de (-: )


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