Geschichten einer Süchtelner Ratte
Klinisch
»Nichts ist wichtig. Dazu ist die Welt zu groß«

(22.11.04)

Ratte


Vor dem Leben war "Nichts".
Während des Lebens kämpfen die Gewinner um ihren Gewinn
und die Verlierer um ihren Verlust.
Es winken Himmel oder Hölle.
Obwohl man aus dem Nichts gekommen ist, lebt man oft in der unsäglichen Angst vor dem Nichts, in das man wieder gehen wird, egal ob man im Leben gewonnen oder verloren hat.

(Autor unbekannt)


Wo beginnen? Wie meine lange Kreativpause rechtfertigen? Muss ich das? Nun gut, ich möchte an dieser Stelle weder etwas beschönigen, noch schlecht reden. Warum sollte ich das tun? Die Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich stehe unter Zwangseid! Womöglich habe ich aber auch nur schlechtes Kraut geraucht. Muss wohl. Wie sonst ließe sich mein sprunghaftes Gedächtnis erklären?

Franz Kafka wachte einst als Käfer auf, warum sollte ich dann nicht, quasi als Reinkarnat, als Helge Schneider oder Mick Jagger aus den Federn hüpfen?
Meiner Verwandlung ging ein wirrer Traum voraus. Ich weiss nicht warum, aber man hatte mir auf den Süchtelner Höhen gleich neben dem Kreiskriegerdenkmal auch ein Solches gesetzt. Zumindest hatte man das vor. Das Geld für den Sockel konnten die Stadtväter gerade noch berappen. Für das eigentliche Korpus Delikti reichten aber selbst die grosszügigsten Spenden einiger dieser hochbetuchten Geldwäscher nicht aus. Gold stinkt bekanntlich nicht, es kostet. Ohne Moos nix los, Lügen haben kurze Beine und den Letzten beissen sowieso die Hunde.
Das Datum der Enthüllung stand jedenfalls fest. Sie zu verschieben, wäre einem Skandal gleichgekommen, der so Manchem den Kopf gekostet hätte. Dessen waren sich die Investoren so sicher wie das Amen in der Kirche.
Das nötige Geld zu fälschen, kam nicht in Frage und zum Waschen fehlten die Mittel. Persil war schliesslich pleite, denn weisser als weiss ist irgendwann durchsichtig. Nur zu dumm, dass die von Ariel das Vorhaben der Stadtväter spielend durchschauten. Selbst Tante Tilly von Palmolive befand, dass es mit der Glaubwürdigkeit der Männer nicht weit her sei.
Die Herrschaften bildeten in ihrer unsäglichen Not sofort einen Krisenstab. Ein runder Tisch musste her, an den man sich setzen wollte. Jeder, der noch halbwegs bei klarem Verstand war, nahm an den oft außerordentlichen Sitzungen teil. Taubstumme waren hier klar im Vorteil. Über das Postleitzahl-Gebiet 41749 wurde vorsorglich der Ausnahmezustand verhängt. Eine nächtliche Ausgangssperre sollte kulturelle Ausschweifungen verhindern helfen. Süchteln geriet zur ersten SEPARATIE des linken Niederrheines. Vertrauen war gut, Kontrolle hielt man in Anbetracht einer schleichenden MONOLOGISIERUNG für angebrachter.
Süchteln hatte zwar keine Armee, dafür aber Schützenvereine, Männergesangsvereine, Kaninchenzüchtervereine sowie eine Tanzschule. An Abschreckungspotential mangelte es also in keinster Weise. Die Sopranistin Hubertine Böll aus dem Sittard beherrschte beispielsweise das drei-gestrichene C, ein schreckliches Geräusch, das, bedingt durch den hohen Obertongehalt, selbst die Welle Niederrhein auf 106,5 MHZ lahm legte. Wohl dem, der einen Kabelanschluss sein Eigen nannte!
Im Rat der Stadt saßen nun zehn gewichtige Gestalten, die ein durchaus glaubwürdiger Berichterstatter wie folgt charakterisierte:

Aus den Akten eines Gerichtschreibers
Kristalle
Es waren zehn Männer. Einer sah aus wie der Andere. Wer sie miteinander verwechselte, tat gut daran, sie zu markieren.
Die Männer waren unruhig. Sie hießen alle Gerd, waren alle am selben Tag und im selben Jahr scheinbar von der selben Mutter geboren.
Sie trugen die selbe Kleidung. Wenn einer seine rechte Hand erhob, dann taten die restlichen Neune es ihm gleich. Wenn einer etwas sagte, dann sagten ihm die Anderen das, ohne zu Zögern nach.
Die Männer saßen oft am Stammtisch und diskutierten wie siamesiche Zehnlinge aufgeregt über die Einheit ihrer Interessen.
Es war ein Gebrüll an diesem Tisch, als sänge der Süchtelner Gesangsverein das Lied von der Freiheit nach Feierabend.
Die Männer machten sich Notizen. Zehn Hände ergriffen gleichzeitig den selben Kugelschreiber und schrieben aus wirtschaftlichen Gründen ein und dasselbe in nur ein Heft.
Lesbares kam dabei allerdings nicht heraus. Aber da die Männer sich bis aufs Blut kannten, war das gar nicht so schlimm.

(Albertus Dull, Gerichtsschreiber)


Wie man sich vielleicht vorstellen kann, war es auf Grund der natürlichen Einsilbigkeit des Rates ein Leichtes, Beschlüsse zu fassen und durchzusetzen. Die Herrschaften nannten das kurz aber treffend Basisdämokratie.
Natürlich gab es wie in jeder echten Dämokratie auch Abtrünnige, denen jedes Mittel recht war, sich dem schädlichen Einfluss dieser schleichenden Globalisierung zu entziehen, ohne jedoch wirklich davon loszukommen.
Der Suppenkaspar wollte seine Suppe nicht essen. Rumpelstielzchen riss sich ein Bein aus, nachdem man sein wahres Gesicht erkannt hatte und Albertus Dull beschrieb seinen verhaltenen Kampf um Autonomie so:


Kristalle
Wenn er Objekt A sieht, dann sieht er Objekt A. Er sieht also dieses A, und gerade weil er A sieht, bleibe ich bei meiner Lüge, daß es sich bei A um B handelt.

Das Objekt unserer Betrachtung ist, nach wie vor, Objekt A.


Beispiel:

Wir stehen auf einer Brücke. Der Nebel legt sich auf das Flußbett.

Er schaut mir in die Augen und sagt: "Sieh da, der Nebel legt sich auf das Flußbett."

"Tatsächlich", gebe ich ihm zur Antwort, "das Flußbett legt sich auf den Nebel."

Das dringt selbst bis in seine Ohren hinein.

Auf meine Äußerung hin, blickt er zunächst etwas verstört um sich, und formt schließlich den von mir in Anwendung gebrachten Gegensatz, B, wieder in sein ursprüngliches A um.

Ich stutze, - hat er mich nicht verstanden?

Er blickt zum Himmel empor.

"Da fliegt eine Taube", sagt er jetzt, vielleicht prüfend.

"Tatsächlich, wir fliegen über eine Taube hinweg.", entgegne ich ihm.

Auf meine unverschämte Äußerung hin, nimmt er mich in seine Arme und zerdrückt mich fast, während seine Augen mich strafend anglühen.

Ich lache ihn an, und sage: "Schön, was du da machst."

Daraufhin lacht auch er, und wir verstehen uns wieder.


Das es im Kampf um echte Autonomie auch recht turbulent zugehen kann, beweist beispielsweise die Offenheit der Lehre so mancher sozialpädagogischen Einrichtung:


Die Kinder spielten, gottlob, im Sandkasten als es passierte.
Karl hatte die Hose eh voll, und Ela quälte sich mit einer Kugel Eis herum, die in ihrem linken Auge steckte.
Da Kugeln in der Regel rund sind, liegt es mir fern, zu sagen: wie ein Pfeil.
Robertello, ein betuchtes Rasselkind fand sich hingegen schnell mit einem schellenartigen Gegenstand a la Montessori ab, der nun partout nicht klingen wollte.
Selbstredend gab es eine fast bezugsfertige Sandburg. Die gehörte aber leider dem Heinrich. Dessen war allerdings nur er sich sicher.
Heinrich verliebte sich sofort in Renate.
Die Liebe war groß. Das sah jeder, der es wollte.
Renate war aber eigentlich in Hans verliebt, doch Hans konnte es wiederum viel besser mit Roswita, wenngleich er sich Renate für alle Fälle warm hielt.
Wem die Sandburg nun wirklich gehörte, war letztendlich nicht mehr feststellbar.
Leichten Schrittes sprang plötzlich wie aus heimtückischstem Hinterhalt ganz unversehens ein monumentaler Körper pädagogisch beruhigend hervor, zertrat die Burg und brachte so schnell Ordnung in den Kasten.
Die Kinder zitterten, stellten sich in Zweierreihen auf, hernach sie begleitet vom schrillen Geläut einer Turmuhr, wie frisch geschorene Schafe zurück in den Hort getrieben wurden.
Bald waren sie wieder brav, und alles war beim Alten.


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