Geschichten einer Süchtelner Ratte
Der Prellbock am Ende des Denkens

(12.07.04)

Aufzeichnung aus den Archiven eines Verrückten

Ratte


Denken ist wie auf Schienen fahren, allen voran, als schnaufende Dampflok, der Vordenker, gefolgt von erster Klasse-Denkern, gefolgt, vom Bistro, gefolgt von zweiter Klasse-Denkern, gefolgt vom Schlußlicht des Denkens, dem Gepäckwagen, der es am schwersten hat, noch festzustellen, was die Dampflok ganz vorne gerade gedacht hat. Ihr maßgebliches Denken eilt zwar wie ein Lauffeuer durch den Zug, doch erfährt es auf seinem langen Weg zum Ende der Welt oft Etwas, das man ohne Zweifel als Sinnverdrehung bezeichnen könnte. Manchmal kommen auch Ortsverschiebungen in Nord-Süd, oder Ost-West-Richtung vor.
Denkt die maßgeblich denkende Dampflok beispielsweise Hamburg, dann kann es sein, das hinten im Gepäckwagen letztendlich München ankommt, nachdems in der ersten Klasse Köln war und daraus in der zweiten schon Frankfurt geworden ist.
Das gibt natürlich Anlass zur vielschichtigen Spekulation bei einem fast unbezahlbaren Bier im Bistro:
Warum die Dampflok nur denkt und nichts sagt
warum ihr Blick nach Hinten nur sticht
warum sie vielleicht doch etwas gesagt hat, vielleicht nur nicht deutlich genug
warum man nicht nachgefragt hat, obwohl der liebe Gott die Münder einst wohlweißlich nicht nur zum Kauen erfunden hat
warum es denn aber Kau-derwelsch heißt, wenn Menschen Scheiße reden, nur weil auch sie maßgeblich dampfen wollen.
warum man in diesem Nebel nichts sehen kann außer seine eigene projezierte Schwäche
warum es keinen Sinn und doch wieder Sinn macht, sich so zu verhalten
warum dieser Sinn im Grunde Zwang ist
warum Tötungsabsicht nur Tötungsabsicht erzeugt
was das mit Pädagogik und Politik zu tun hat, und so fort und so fort...

Und, wenn der Zug womöglich so lang ist wie von Hamburg nach München, ja was wäre dann?
Könnte er dann überhaupt losfahren?
lohnte sich das überhaupt?
wäre er nicht schon überall da?
stimmte es dann vielleicht doch?... vorne Hamburg, hinten München?
bräuchte man mit seinen praktischen Rollkoffern nicht einfach durch die Gänge stalpen, von Hüh nach Hott zu kommen?
hätte man der Dampflok nicht Unrecht getan?
die Bahn gekränkt?
die Schiene zu Unrecht verflucht?
Weichen verstellt?
Gleise gepökelt?
Schrauben entfernt?
Stellwerke gesprengt?
Schwellen ermordet?...
wenn dem so wäre, ja, wenn dem so wäre, ja wenn an dem sei?
Das wär ja ein Dingen.
Geschehen tuts täglich.
Hat allerdings noch noch kaum einer so gesehen.
Bedeutung verkannt.
Leben verbannt.
Vor Mauern gerannt!
Das ist die Ordnung der Verwirrten.
Das ist, sich beugen auf biegen und brechen, die Angst vor dem Nein sagen.
Das ist die Freiheit von allem.
Das sind die lachenden Gesichter des Wahnsinns,
Das ist der verzweifelte Kampf um die Freiheit!
Der läßt sich allerdings nicht mit Worten beschreiben.
Zwei Weltkriege in einem Jahrhundert reichen wohl aus, die Konsequenzen dieser moralischen Verstümmelung aufzuzeigen.
Jetzt haben wir im Grunde den Dritten. Und wieder geht es sich, wie immer nur, um die Errettung der Menschheit, wegen eines zu schützenden Himmelreiches, wohinter sich die Hölle verbirgt.

Am Ende des Denkens steht ein von Efeu umzwirnter Prellbock.



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